Kinderschutzgruppe Charité: Adipositas, Zeichnung: Thomas Henseler / Charité

Adipositas

Die Kinderschutzgruppe der Charité – Universitätsmedizin Berlin informiert hier über das Thema "Adipositas und Kinderschutz".

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In der Versorgung adipöser Kinder und Jugendlicher stellt sich zuvorderst die Frage, wie Veränderungen in Familien angestoßen werden können. Familien, deren Kinder in einer Adipositastherapie sind, werden vor enorme Herausforderungen gestellt:

  • Ernährung sowie
  • Bewegungs- und Freizeitverhalten

müssen meist grundlegend umgestellt werden. Nicht immer gelingt Familien das – mit manchmal katastrophalen Konsequenzen für die von der Adipositas betroffenen Kinder und Jugendlichen.

Geht eine extreme Adipositas mit Komorbiditäten einher und gelingt es Familien nicht, Veränderungen selbstständig umzusetzen, braucht es Hilfe, die über das hinausgeht, was das medizinische System leisten kann. Häufig ist dann nämlich Unterstützung im Rahmen der Jugendhilfe nötig; manchmal ist das Kindeswohl akut bedroht.

Adipositasspezifische Ankerbeispiele zum Herunterladen

Adipositas im Kindesalter ist durch Folgeerkrankungen mit einem hohen Risiko für die weitere gesunde Entwicklung des betroffenen Kindes in allen ihren Facetten belastet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. Das komplexe Zusammenwirken körperlicher, genetischer und psychischer Faktoren als Ursache der Adipositas macht eine sorgfältige medizinisch/sozialpädiatrische Beurteilung jedes einzelnen Falles erforderlich.

Unbestreitbar spielt bei der Entwicklung der Adipositas sowie bei der Prävention von Folgeerkrankungen der Lebensstil des betroffenen Kindes oder Jugendlichen und seiner Familie eine wichtige Rolle.  

Im Rahmen der Adipositas-Ambulanz der CharitéUniversitätsmedizin Berlin zeigte sich die Notwendigkeit, ein Instrument zur Verfügung zu stellen, das Fachkräften dabei helfen kann, sich ein konkretes Bild von der Situation des Kindes zu machen.

Zur Einschätzung des Risikos für die Gefährdung der gesunden körperlichen, seelischen sowie sozialen Entwicklung bei Adipositas wurden Ankerbeispiele entwickelt, die störungsspezifische Risiken und Gefährdungsmomente im Kontext der Adipositas darstellen. Aus diesem Instrument lässt sich jedoch auf Grund der multifaktoriellen Genese und der individuellen körperlichen und psychischen Reaktion des betroffenen Kindes oder Jugendlichen keine eindeutige Prognose ableiten. In Zweifelsfällen sollte daher das Gespräch zwischen allen Fachkräften, die zum Wohle des Kindes arbeiten, gesucht werden.

 Formal orientieren sich diese Ankerbeispiele am bekannten „Kinderschutzbogen zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohles“ 8. Diese Ankerbeispiele „ADI­-PLUS“ geben zusätzliche Hinweise zur Bewertung des Gefährdungspotentials für die Entwicklung eines betroffenen Kindes oder Jugendlichen.  

 Die Ankerbeispiele „ADI-PLUS“ sind auf Initiative von Dr. PH Petra Rücker entwickelt worden. Daran waren alle Berufsgruppen des Adipositas-Teams im SPZ der CharitéUniversitätsmedizin Berlin, Babeluga e. V., sowie weitere Expertinnen beteiligt.

Zu finden sind die Ankerbeispiele unter www.babeluga-berlin.de

Veröffentlichungen:

P. Rücker, B. Galm; L. Ihme; R. Schüssler; A. Dannemann; A.-M. Bau; J. Irmler; T.-M. Radzuweit; C. Röhling; S. Wiegand (2016): Braucht Adipositas Kinderschutz? ADI -PLUS: neue Ankerbeispiele bei der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung. Adipositas 2016; 10: 129–134

Rücker P., Galm B., Wiegand S.(2017): Adipositas und Kinderschutz. Das Jugendamt. Heft 3/2017 Jg90,, S. 109-114

Literatur:

1         l'Allemand-Jander D (2010): Clinical diagnosis of metabolic and cardiovascular risks in overweight children: early development of chronic diseases in the obese child. Int J Obes (Lond). 2010 Dec; 34 Suppl 2:S32-6. DOI: 10.1038/ijo.2010.237.

2         Brauchmann J, Weihrauch-Blüher S, Ehehalt S, Wiegand S (2018): Aktuelle Literaturübersicht zur Therapie der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. Klin Padiatr 2018; 230(01): 13-23; DOI: 10.1055/s-0043-121989

3         Daniels SR (2009): Complications of obesity in children and adolescents. Int J Obes (Lond). 2009 Apr; 33 Suppl 1:S60-5. DOI: 10.1038/ijo.2009.20.

4         Dyer A S, Blomeyer D, Laucht M, Schmidt M H (2007): Psychische Folgen des Übergewichts im Grundschulalter. Kindheit und Entwicklung 16 (3), 190–197.Hogrefe Verlag, Göttingen 2007

5         Graf C, Jouck S, Koch B et al (2007): Motorische Defizite – wie schwer wiegen sie? Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Monatsschr Kinderheilkd 155:631-637

6         Ottova V, Erhart M, Rajmil L, Dettenborn-Betz L, Ravens-Sieberer U. (2011): Overweight and its impact on the health-related quality of life in children and adolescents: results from the European KIDSCREEN survey. Qual. Life Res. 2012 Feb; 21(1):59-69. DOI: 10.1007/s11136-011-9922-7. Epub 2011 May 10.

7         Wabitsch M, Kunze D (federführend für die AGA) (2015): Konsensbasierte (S2) Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Prävention von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Version 15.10.2015; www.a-g-a.de. 

8         Jugendamt Stuttgart, AG Berliner Kinderschutzbogen (2005): Orientierungskatalog mit Ankerbeispielen für den Kinderschutzbogen. sfbb.berlin-brandenburg.de/sixcms/detail.php/bb2.c.462833.de